Ohne Hotelreservierung ins Salzburger Land – Romantik am Rande des Nervenzusammenbruchs
Sieben Jahre. Wolf und ich. Eine magische, ja geradezu biblische Zahl. Welche natürlich gebührend gefeiert werden soll. Restaurantbesuch? Hatten wir die letzten sechs Jahre. Also spontan ein schickes Auto gemietet und sich am ersten Ferientag im 5er BMW auf die Autobahn geschmissen.
Ziel? Unbedingt das Salzburger Land, da ja in Salzburg die Festspiele stattfanden, Österreicher und Deutsche diese Region en masse fluteten, wir keine Unterkunft gebucht hatten und ergo ein Leben am Limit lieben. Und zur Not könnte man die Strecke auch wieder retour fahren…



Die Autobahn: erstaunlich befahrbar – bis auf 20 unerklärliche Baustellen, die zwar markiert sind, aber niemand dort arbeitet. Sei‘s drum. So kann man bei 30 Km/h die Aussicht besser genießen.
Unser erstes Ziel: der Waller See. Im empfohlenen Hotel empfing man uns freundlich mit dem Hinweis, dass ab 29.08. wieder Zimmer frei wären. Es wurden uns hilfsbereit Alternativen genannt, die mich bei weiterer Besichtigung in Depressionen stürzten.



Wir fuhren zu einer Tankstelle und Baby bekam erste Schnappatmungen. Ich hingegen fand alles recht spannend. Ich erinnerte mich an eine Fahrt von Bremen nach Südfrankreich – mit Michael und unseren damals sehr kleinen Kindern, unserer Labradordame Bella, einem sehr vollgepacktem Auto und keinem Plan, wohin die Reise gehen soll…
Da erschien mir die österreichische Tankstelle mit hervorragendem Kaffee und ebensolchem Gebäck wie das gesicherte Paradies.



Salzburg entdecken: Bach im Dom, Spritz zum Mittag und Kaffeehauskultur
Es wurde beschlossen, dass wir das Ländliche gegen Salzburg tauschen, denn schließlich fand dort unsere Romantik ihren Anfang. Baby mutierte zum Unterkunfts-Trüffelschwein und fand mit großem Gespür ein familiengeführtes Hotel, welches – voilà – zwei Tage am Stück ein Doppelzimmer frei hatte. Gut gelegen, modern renoviert und familiengeführt seit 11 (!) Generationen empfing uns das Hotel zum Hirschen. Fussläufig zur Innenstadt konnten wir uns allen Salzburger Attraktionen widmen – vornehmlich den Kaffeehäusern. Mittags gab es ein wunderbares Orgelkonzert im Dom, bei dem natürlich Mozart angepriesen und von uns auch genossen wurde. Aber als der Organist Bach anstimmte, drückte es uns in die hölzernen Kirchenbänke. Wenn einer dieses Instrument in seiner Tiefe verstanden hatte und es zum allumfassenden Erklingen bringen konnte, dann Bach. Dieses Erlebnis musste natürlich mit einem mittäglichen Spritz und Eis gewürdigt werden.


Kunst in Salzburg: Sean Scully, Tony Cragg und kühle Eleganz in der Galerie Ropac
Aber die Kunst sollte auch nicht zu kurz kommen. Also auf zur Galerie Ropac. Thaddaeus Ropac, angesehener österreichischer Galerist mit weltweiten Dependancen, da clever genug, sich frühzeitig exklusive Nachlasssrechte gesichert zu haben und mit einem hervorragenden Gespür für wertvolle Werke und Künstler, ist in der prachtvollen Villa Kast ansässig.
Aktuell im Erdgeschoss zu sehen: Sean Scully. Und zwei erlesen gestylte Kuratorinnen, die den Blick nicht vom Computer nahmen und vor allem an keinem Gespräch interessiert waren. Im Obergeschoss wird man von einer aus Holz gearbeiteten Plastik von Tony Cragg empfangen. Und von zwei sehr jungen Kuratorinnen, die freundlich auf meine eine Frage antworteten, aber ebenfalls an keinem Gespräch interessiert schienen. Mein Hinweis zu Tony Craggs Skulpturen am Tegernsee wurde mit dem Zucken eines Mundwinkels quittiert. Ich resümierte, dass der Tegernsee nicht den Ansprüchen der Galerie Ropac entspricht. Beide Frauen verliessen nach Auskunftserteilung das Obergeschoss. Neben den Räumen mit Baselitz, Pohlke und Alex Katz saß in einem halb geschlossenen Nebenzimmer eine weitere Frau, die konzentriert in ihr Handy schaut. Der Besucher wird hier keines Blickes gewürdigt. Und die Alarmanlage der Galerie muss Millionen gekostet haben.



Auf dem Weg zurück ins Untergeschoss kommen uns die beiden jungen Frauen, nun personell ergänzt durch einen im bourgeois-lässigen Pariser Runway-Look gestylten jungen Mann wieder entgegen. Sein Leinenhemd ist bis zur Brust aufgeknöpft und er fährt sich lässig durch die Mähne. Eine schöne Ergänzung aller Anwesenden, welche durchweg milde Herablassung atmen.
Der Kampf durch die nachmittägliche Hitze des Mirabellgartens endet mit einem hervorragendem Abendessen im vegetarischen Restaurant Furo direkt neben unserem Hotel.



Seen-Rundfahrt durchs Salzkammergut: Fuschlsee, Wolfgangsee, Mondsee und Attersee
Nach Abarbeitung von Kunst, Kultur und allem Städtischen soll es am Sonntag nun schließlich an den See. Hier allerdings macht die Hochsaison unserer Glückssträhne für eine spontane Bleibe einen Strich durch die Rechnung. Wir finden mit Mühe ein Doppelzimmer für eine Nacht am Attersee. Sei‘s drum. Wir fuhren eine Bilderbuchstrecke vorbei am Fuschlsee, Wolfgangsee, Mondsee hinüber zum Attersee. Am Fuschlsee machen wir Stop für den legendären Räucherfisch in der Schlossfischerei mit Blick hinüber aufs kostengünstige Rosewood Hotel. Bei 1.700€ pro Nacht gibt’s dort vielleicht sogar a Fischsemmerl gratis.



Die Fahrt auf den Wolfgangsee zu ist wirklich überwältigend und man kann es unserem Altkanzler Kohl nicht verdenken, dass er dort 30 Jahre lang keinen Urlaub müde geworden ist. Der Mondsee wirkt urtümlicher und wir hätten vielleicht die Aussicht noch mehr genießen können, wenn wir nicht auf all die Rennradfahrer penibelst hätten achtgeben müssen. Ich habe für viele Sportarten Verständnis, meist sogar ehrliche Bewunderung – aber nicht für’s Rennradfahren im regulären Straßenverkehr. Das Bremer Sechstagerennen ergibt für mich Sinn: Da rasen die Sportler mit dieser irren Haltung sechs Tage im Kreis, während sich die Zuschauer anstatt vor’m heimischen Fernseher diesmal in der Arena die Hucke vollsaufen. Aber durch schönste Landschaften mit diesem verkniffenen Blick und einer Attitude, die jedem Autofahrer eine Kohlenmonoxidvergiftung an den Hals wünscht, erscheint mir sehr unentspannt. Ich muss den Radlern allerdings zugestehen, dass allesamt sensationelle Wadln haben und später beim Heurigen wieder recht lustig sind.



Auszeit am Attersee: Räucherfisch, Rennradler und die heilsame Kraft des Reisens
Das Hotel am Attersee war zauberhaft, in den alten Gewölben einer ehemaligen Brauerei untergebracht, mit einer wunderschönen, mit Bäumen beschatteten Terrasse, sehr guten Essen und einem Pool. Weichen wir schließlich dem See vorzogen, denn der Weg zum See ist von leidenschaftlichen Campern gesäumt, welche eng an eng und Mann an Mann den See, die Gastronomien und jedes freie Fleckchen gekapert hatten. Und bevor jetzt jemand sagt: ja, aber! Nein, nicht mehr für mich. Mit Camping bin ich durch. Es war eine mehrfache Erfahrung, die ich aktuell nicht wiederholen möchte. Ich mag Menschen, aber meide sie in meiner freien Zeit. Der leere Pool mit Libellen, rauschenden Schilf und einem Seerosenteich entsprach meiner Seelenlage.



Zurück ging’s an einem Montag, an dem ich auf den Tag vor zwölf Jahren wieder nach München gezogen war. Die Ereignisse dieser Jahre waren teilweise sehr schmerzhaft, überwältigend, aber eben auch sehr schön und bereichernd. Und immer wieder empfinde ich es als ein Geschenk, in einer Region wohnen zu dürfen, die einem ermöglicht, in kürzester Zeit zu den schönsten Orten zu reisen.
Und ich habe mir vorgenommen, meinen Geist und meine Seele mit weniger negativen Nachrichten zu vermüllen. Es raubt einem Kraft. Und in dieser Zeit brauchen wir mehr denn je positive Energie.
Fotos: Wolf Heider-Sawall
