Es gibt Reisen, die beginnen mit einem Koffer und flinkem Schritt zum Flughafen. Unsere begann mit einem fünf Meter langen Sprinter, der so vollgepackt war, dass nur noch Platz zum Atmen blieb…
Meine Tochter zieht für zwei Jahre nach Amsterdam, um dort ihren Master in Forensic Science zu machen. Ein Satz, der zunächst einmal ausgesprochen erwachsen und auch etwas aufregend klingt. Kein Studiengang, bei dem man sich mit der Schönheit der Welt beschäftigt, sondern eher das Gegenteil. Aber es klingt definitiv nach Aufbruch, nach Zukunft, nach einem neuen Abschnitt. War Innsbruck als Studienort für den Bachelor noch ums Eck und ließ uns als Familie die Freiheit für spontane Besuche, so hat man mit Amsterdam die Berge für das weite Meer getauscht.
Meine Tochter und ihre Freundin kamen aus Innsbruck nach München, sammelten uns ein und am Donnerstagnachmittag machten wir uns zu viert auf den Weg. Draußen herrschten Temperaturen, bei denen selbst die einfachste Bewegung schon als sportliche Betätigung durchging, und irgendwo zwischen Umzugskartons, Taschen und dem Gefühl, Teil eines doch ziemlich bedeutenden Moments zu sein, fuhren wir zunächst nach Frankfurt.



Auf dem Weg nach Amsterdam – Die überraschende Freundlichkeit eines Flughafenhotels
Dort verbrachten wir die erste Nacht in einem Flughafenhotel. Orte, von denen man normalerweise nicht erwartet, dass sie einem ans Herz wachsen. Schließlich ist das Geschäftsmodell überschaubar: Die meisten Gäste wollen am nächsten Morgen wieder weg.
Umso erstaunlicher war die Freundlichkeit. Alles unkompliziert, angenehm, komfortabel. Der Rezeptionist kam hilfsbereit nach draußen und winkte uns samt Sprinter quasi wie auf dem Rollfeld mit präzisen Gesten durch die sehr knapp bemessene Tiefgarageneinfahrt. Wir wurden freundlich eingecheckt – so als würden wir uns für einen zweiwöchigen Badeurlaub einquartieren. Dazu sehr gutes asiatisches Essen und diese eigentümliche Atmosphäre von Zwischenstationen: Man ist noch nicht angekommen, aber auch schon nicht mehr richtig zu Hause.
Am nächsten Morgen ging es weiter. Erst durch den wunderschönen Taunus und schließlich hinein ins Ruhrgebiet.



Der Weg nach Amsterdam führt über´s Ruhrgebiet
Und plötzlich stand da: Oberhausen. Manchmal reicht ein Autobahnschild, und die Erinnerungen holen dich ein. Meine Großmutter und meine Mutter wurden dort geboren. Während wir an Oberhausen vorbeifuhren, dachte ich an meine Omi, an meine Mutter und bat sie im Stillen, ein bisschen auf uns aufzupassen auf dieser Fahrt in ein neues Kapitel. Quasi unsere Amsterdamer Schutzengel. Es war einer dieser kurzen Momente, in denen Vergangenheit und Zukunft merkwürdig dicht nebeneinanderliegen. Man erinnert sich an Sommer im Garten meiner Großmutter, die Kartoffeln und Kohlrabi anpflanzte, an die geheimnisvollen Tannen am Ende des schlauchartigen Gartens und an die direkte Art der Menschen aus dem Pott. Meine Mutter, die froh war, dem Ganzen entflohen zu sein und ihr Glück in München gefunden zu haben. Und nun saß da vorne die eigene Tochter am Steuer und lenkte ihre Mutter samt Wolf und Freundin auf dem Weg in ihr neues Leben. Und irgendwo hinter einem all die geliebten Frauen als geschätzte Ahninnen, die den Weg voran gegangen waren…



Das Ruhrgebiet sorgte allerdings schnell dafür, dass es nicht zu sentimental wurde. Ebenso die Playlist meiner Tochter. Der Fahrstil wechselte von Frankfurter Schnelligkeit in rasante Ruhrpott-Manöver von dicken Karren mit personalisierten Kennzeichen. So fuhren Kemal und Ali aus Remscheid auf der linken Spur um die Wette, während aus der Musikanlage „Fuck that shit“ tönte. Eine automobile Dramaturgie, extra komponiert auf unserem gewichtigen Weg nach Amsterdam.



Ankommen in Amsterdam – 34 Grad und ein Studentenwohnheim
Der abwechslungsreiche Taunus und das bunte Ruhrgebiet mündeten schließlich in dieser wunderbaren flachen Landschaft des Nordens, wie ich sie aus meiner Zeit in Bremen lieben gelernt habe. Der Norden hat seinen ganz eigenen Reiz. Hier werden keine Opern geschrieben über Dramen im Berg abgehandelt, hier reitet man melancholisch durch Nacht und Wind. Der Norden bringt immer etwas Ruhe ins Gemüt, das Auge gleitet über den flachen Horizont und bleibt an windschiefen Eichen hängen.
Nach einer großstädtischen Einfuhr über sechspurige Autobahnen, welche einem sofort wieder bestätigten, dass München doch a bisserl provinziell ist, empfing uns Amsterdam mit 34 Grad. Und trotzdem war sofort etwas anders: Die Luft. Obwohl es heiß war, lag darin diese leichte maritime Frische. Eine Brise, die immer irgendwo herzukommen scheint. Und erstaunlich viel Grün.



Bevor wir allerdings in den Genuss einer Grünanlage kamen, musste erst einmal das Studentenwohnheim gefunden und der Sprinter entladen werden. In einem modernen Neubaugebiet hielten wir bei glühender Hitze Ausschau nach dem Studentenwohnheim, liefen über Parkplätze, suchten Eingänge und schleppten schließlich das halbe bisherige Leben unserer Tochter in ihr neues Zimmer.
Der erste Eindruck: sagen wir einmal funktional. Oder deutlicher: ein bisschen Kasernierung. Im Aufzug trafen wir immer wieder dieselben Eltern mit ihren Kindern, die offenbar gerade dasselbe Ritual vollzogen. Familien aus unterschiedlichen Ländern, verschiedene Sprachen und doch überall dieselbe Mischung aus Organisation, Erschöpfung, Stolz und diesem leisen elterlichen Gefühl, das vermutlich überall auf der Welt gleich ist: Möge alles gut gehen.



Amsterdam und seine Fahrradfahrer – Toleranz hat seine Grenzen
Am Abend trennten sich unsere Wege. Die jungen Frauen zogen los, Wolf und ich ebenfalls. Wir landeten in einem jungen, multikulturellen Viertel, aßen Spaghetti und bemerkten sehr schnell etwas, das uns während der nächsten Tage immer wieder begegnen sollte: Die Menschen sind unglaublich freundlich.
Jung, alt, unterschiedlichste Herkunft – Amsterdam besitzt eine Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander, die angenehm unangestrengt wirkt. Niemand scheint sich besonders dafür zu interessieren, wie jemand aussieht, woher jemand kommt oder wie jemand sein Leben gestaltet.
Eine bemerkenswerte Toleranz. Mit einer Ausnahme: Fahrradfahrer. Der Amsterdamer Fahrradfahrer toleriert exakt gar nichts. Keine Fußgänger. Keine Zebrastreifen. Keine Verkehrsregeln, welche grundsätzlich für alle anderen, nur nicht für ihn selbst gelten. Gebremst wird nur, wenn das eigene Leben in Gefahr ist. Helme? Nein. Geschwindigkeit? Ja. Wir haben noch nie so viele Menschen gesehen, die auf zwei Rädern mit der inneren Überzeugung unterwegs sind, unsterblich zu sein. Und es sind Millionen. Zumindest fühlt es sich so an.



Grachtenfahrt in Amsterdam: 15.000 Fahrräder und eine offene Hose
Einige Tage später lernten wir Amsterdam von seiner schönsten Seite kennen: vom Wasser.
Bei einer Grachtenfahrt hatten wir das große Glück, nur zu sechst im Boot zu sitzen. Fast eine Privatfahrt – mit einem wunderbaren Kapitän namens Jaap, in dritter Generation Amsterdamer, der uns touristische Geschichten erzählte, die vermutlich jedem Einheimischen geläufig, aber für uns Touris Neuland sind.
Zum Beispiel, dass jedes Jahr rund 15.000 Fahrräder aus den Grachten geholt werden. Leider, so Jaap, auch immer wieder Menschen. Pro Jahr ca 30. Und leider nicht mehr lebend. Vornehmlich junge britische Männer, die nachts und stark alkoholisiert beim Versuch, in eine Gracht zu urinieren, hineinfallen. Woran die Polizei erkennt, was passiert ist, erklärte unser Kapitän ebenfalls recht trocken: an der geöffneten Hose. Man sollte über solche Unglücke selbstverständlich nicht lachen. Und trotzdem kann man diesem Szenario eine tiefschwarze, groteske Komik nicht absprechen.



Amsterdam am Wasser – macht es die Menschen gelassener?
Wir liefen in diesen Tagen kilometerweit durch Amsterdam. Wir saßen am Wasser, aßen dort, beobachteten Menschen und ließen uns treiben. Gingen durch die entspannten Straßen, an den wunderschönen Häusern vorbei, lugten in wunderschöne Wohnungen hinein, die kultivierten Reichtum atmeten. Sahen den Menschen in ihren Booten zu, wie sie Drinks und Speisen teilten, während sie durch die Kanäle schipperten. Quasi der Biergarten auf dem Wasser. Und irgendwann entstand bei uns eine Theorie: Wasser macht etwas mit den Menschen. Vielleicht werden Menschen, die an Flüssen, Seen oder am Meer leben, tatsächlich ein wenig gelassener. Vielleicht erinnert der permanente Fluss daran, dass ohnehin nichts stehen bleibt. Dass man nicht alles kontrollieren kann. Dass Dinge kommen und wieder gehen.
Amsterdam jedenfalls scheint diese Gelassenheit verinnerlicht zu haben. Allein im Zentrum überspannen unzählige Brücken die Grachten. Dazwischen Bäume, Pflanzen, kleine Vorgärten, Fahrräder, schmale Häuser und immer wieder Wasser. Für eine so dicht bebaute Stadt wirkt Amsterdam erstaunlich grün und leicht.



Und jung. Man sieht sehr viele junge Menschen, Studierende, Kreative, Menschen aus unterschiedlichsten Ländern. Gleichzeitig hat die Stadt heute eine Eleganz und ein Selbstbewusstsein, von denen uns ein Freund erzählte, dass sie keineswegs selbstverständlich seien. Noch vor wenigen Jahrzehnten habe Amsterdam an vielen Stellen deutlich ärmlicher und heruntergekommener gewirkt. Davon ist heute wenig zu spüren. Die Menschen sind selbstbewusst. Und es wird gefeiert, bis der Arzt kommt. Wer nicht kommt, ist die Polizei. Die Amsterdamer scheinen ausgiebiges Feiern als lebensfrohe Menschenpflicht zu erachten im Gegensatz zu uns Deutschen, wo nicht nur ein unakurat abgewogenes halbiertes Brot einen rechtschaffenen Bürger zur Anzeige verpflichtet, sondern auch nach außen getragene Lebensfreude niemals eskalieren darf und definitiv um 22h zum Ende kommen muss.


Kunst in Amsterdam: Robbie Williams überrascht im Moco Museum
Natürlich gehört für Stadtlocke zu einer solchen Reise auch Kunst. Die großen Klassiker ließen wir diesmal aus. Kein Rijksmuseum, kein Van Gogh oder Rembrandt. Stattdessen gingen wir ins Moco Museum, das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in einer wunderschönen alten Villa.
Damien Hirst, Basquiat, Banksy, Yayoi Kusama – große Namen, große Erwartungen. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Kusama war bereits wenige Tage zuvor in Tokio verstorben. Die Nachricht von ihrem Tod sollte die Welt erst später erreichen. Und dann überraschte uns ausgerechnet einer, den wir bislang in einer ganz anderen Schublade abgelegt hatten: Robbie Williams. In einem eigenen Raum setzt er sich mit Angst, Depression und den Abgründen des eigenen Denkens auseinander. Direkt, persönlich, manchmal fast entwaffnend einfach – und erstaunlich stark.
Wolf und ich waren begeistert. Vielleicht gerade deshalb, weil hier jemand, den Millionen Menschen als Entertainer kennen, nicht versucht, nun auch noch unbedingt „Künstler“ zu sein. Stattdessen zeigt er etwas von sich. Verletzlich, selbstironisch und ohne dekorativen Umweg.


Abschied von Amsterdam – Und dann zurück nach München
Irgendwann mussten wir wieder fahren. An einem Tag zurück nach München, während die Freundin meiner Tochter anschließend sogar noch weiter nach Innsbruck musste. Ein Ritt.
Und wir geben es zu: Die Rückkehr fiel uns zunächst schwer. Abschied vom Töchterlein, die nun so weit weg scheint und die man – mag sie noch so groß und erwachsen scheinen – doch immer noch in den Arm nehmen und beschützen will.
Kaum in München angekommen, saßen wir in einem Café und trafen auf jene spezielle Form der Zickigkeit, die man hier in den gehobenen Stadtteilen bisweilen kultiviert, obwohl objektiv betrachtet wenig Anlass dazu besteht. Niveau ist eben keine Creme. Nach einigen Tagen Amsterdam erschien uns das plötzlich besonders auffällig. Warum wirken Menschen an Orten, an denen es ihnen ausgesprochen gut geht, manchmal so erstaunlich unzufrieden? Und warum begegnet einem andernorts eine Großzügigkeit, die scheinbar nichts mit Wohlstand zu tun hat?

Wir haben darauf keine Antwort. Vielleicht ist es wirklich das Wasser. Vielleicht die Geschichte einer Handelsstadt, in der seit Jahrhunderten Menschen aus unterschiedlichen Ländern aufeinandertreffen. Vielleicht sind es die Fahrräder und die permanente Todesnähe beim Überqueren einer Straße. Wer weiß.
Ein paar Tage später waren wir wieder angekommen in unserem eigenen Leben. Wir trafen unsere Menschen, gingen durch unsere Straßen und versöhnten uns wieder mit München.
Denn an München gibt es wahrlich genug zu lieben. Aber Amsterdam hat etwas hinterlassen. Und meine Tochter ist ein sehr guter Grund, bald wiederzukommen.


Fotos: Wolf Heider-Sawall