Der Sinn des Lebens in der Krise
Was tun, wenn einem das Leben eine wirkliche und tiefgreifende Krise hinwirft? Jeder von uns war wohl schon an solch einem Punkt in seiner Biographie, der einen erstmal mit mehr Fragen als Antworten konfrontiert hat. Und welche uns letztendlich in die Tiefen der eigenen Persönlichkeit haben hinabsteigen lassen. Genau darun ging es an diesem Abend der „Tegernseer Gespräche“ im Olaf Gulbransson Museum, der unter dem Titel „Die Kraft der Liebe und des Glaubens“ drei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten zusammenbrachte: Museumsleiter Michael Beck als Moderator, den schweizerisch-italienischen pharmazeutischen Unternehmer und Buchautor Riccardo Braglia sowie den Jesuitenpater und Philosophieprofessor Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ.

Die Krebserkrankung als ultimative Herausforderung
Im Mittelpunkt stand eine Frage, die wohl jeden Menschen irgendwann beschäftigt: Woher nimmt man Kraft, wenn das Leben plötzlich aus den Fugen gerät? Worin findet man den Sinn, zu kämpfen und weiterzumachen? Riccardo Braglia erzählte an diesem Abend sehr eindringlich, persönlich und zugleich bemerkenswert zurückhaltend von seiner Krebserkrankung. Das Wichtigste vorab: Es war kein Vortrag, der Mitleid suchte, sondern einer, der Mut machte. Aus seinem Buch „Il cammino nel deserto. Dalla malattia alla rinascita“, (an diesem Abend in Englisch vorliegend: „The journey through the dessert. From illness to rebirth, between faith and entrepreneurial leadership“) las er Passagen vor, in denen er beschreibt, wie die Diagnose sein Leben in ein „Davor“ und „Danach“ teilte. Offen sprach er darüber, welche Bedeutung der Glaube für ihn auf diesem Weg gewann und wie er darin Halt und neue Zuversicht fand.

Kraft durch Struktur
Mitten in der Pandemie wird Braglia – bei einer Operation zufällig entdeckt – mit der Diagnose Leukämie konfrontiert. Der vierfache Familienvater darf aufgrund der strengen Vorschriften während Covid keinen Besuch empfangen und ist mit der schweren Krankheit seelisch auf sich allein gestellt. Von Ärzten und Pflegekräften betreut, durchläuft er die Chemotherapie und all die damit einhergehenden Nebenwirkungen. Das Krankenzimmer darf er nicht verlassen. Um sich selber einen alltägliche Struktur und damit ein Gefühl des Alltags zu geben, beginnt er, seinen Tag im Krankenhaus wie einen Arbeitstag zu gestalten. Seine Familie darf ihn erst nach 18 Uhr anrufen. Vorher trainiert er, koordiniert die Abläufe in seiner Firma und versucht seine Seele zwischen Angstattacken und Zuversicht im Gleichgewicht zu halten. Sein Glaube, der tief in ihm verankert ist, wird auf eine harte Probe gestellt. Er beginnt die Dinge zu durchdenken, sucht nach dem eigentlichen Sinn in seinem Leben. Und er entdeckt immer mehr einen Sinn in der Krise…

Hoffnung in der Krise
Riccardo Braglias ruhige, authentische Art machte seine Erzählung so berührend. Es ging an diesem Abend nicht darum, einfache Erklärungen für Krankheit oder Heilung zu liefern. Vielmehr entstand das Bild eines Menschen, der eine existenzielle Krise angenommen und einen persönlichen Weg gefunden hat, mit ihr zu leben. Die Hoffnung, die daraus sprach, wirkte ehrlich und glaubwürdig. Besonders berührend war, als der den Moment schilderte, wo er den Beipackzettel eines Medikamentes aus seiner eigenen Herstellung durchlas und feststellte: Beipackzettel adressieren seelenlos die Krankheit, aber stellen nicht den Menschen in den Mittelpunkt. Er schwor sich, dies in seiner Firma zu ändern…


Der philospohische Blick eines Jesuiten
Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ ergänzte diese sehr persönliche Perspektive um einen philosophischen Blick auf das Leben. Zugegeben: Der erste Eindruck seiner Person ließ zunächst kaum erahnen, welch tiefgründiger Denker er ist. Zumal ich mich – und ich weiß, dass dies eine sehr persönliche und vielleicht sogar polarisierende Meinung ist – ungern von Männern der katholischen Kirche über den Sinn des Lebens belehren und aufklären lasse. Umso beeindruckender war sein Vortrag. Mit großer Klarheit und intellektueller Präzision sprach er am Beispiel der Bibelgeschichte von Jona und dem Wal über Fragen, die Menschen seit Jahrhunderten beschäftigen: Was verleiht unserem Leben Sinn? Welche Rolle spielen Glaube, Freiheit und Verantwortung? Und braucht es Freude, um im Leben Sinn zu finden?
Dass diese unterschiedlichen Sichtweisen nicht nebeneinander standen, sondern miteinander ins Gespräch kamen, war vor allem Michael Beck zu verdanken. Er führte mit großer Aufmerksamkeit und spürbarer Wertschätzung durch den Abend, stellte kluge Fragen und ließ den Gästen zugleich den Raum, ihre Gedanken zu entfalten. Seine Moderation verlieh dem Gespräch Struktur, ohne dessen Offenheit einzuschränken.


Drei Männer und der Sinn des Lebens
Vielleicht hätte man den Abend augenzwinkernd als Gespräch dreier Männer über die großen Fragen des Lebens bezeichnen können. Ein weiblicher Blick auf Krisen und deren Bewältigung wäre vielleicht eine interessante Ergänzung gewesen. Aber an diesem Abend entstand weit mehr als eine philosophische Debatte unter Männern. Es war ein Austausch über Erfahrungen, Zweifel, Hoffnung und die Kraft, trotz schwerer Schicksalsschläge wieder Vertrauen ins Leben zu finden.
Besonders bewegt hat uns Riccardo Braglias persönliche Geschichte. Sie war der Grund, warum wir sein Buch mit nach Hause genommen haben – eines davon als Geschenk für eine Freundin, die selbst eine Krebserkrankung überwunden hat. Es schien uns eine passende Geste, Hoffnung weiterzugeben.


Der Tegernsee und seine duftenden Linden
Die beiden Tage am Tegernsee, die wir an diesen besonderen Abend anschließen konnten, wirkten fast wie eine stille Fortsetzung des Erlebten. Während der Sommer in München bereits weit fortgeschritten war, standen die Linden am Tegernsee noch in voller Blüte. Ihr Duft lag über den Uferwegen, Bienen summten in den Baumkronen, und bei strahlendem Wetter genossen wir eine große Schiffsrundfahrt über den See. Nach einem Abend voller Gedanken über Vergänglichkeit, Zuversicht und die Kraft des Glaubens schien diese Landschaft noch einmal daran zu erinnern, wie wohltuend es sein kann, für einen Moment innezuhalten und die Schönheit des Augenblicks bewusst wahrzunehmen.


Fotos: Wolf Heider-Sawall
Warum das Olaf Gulbransson Museum und der Tegernsee immer wieder eine gute Idee sind, das lest ihr hier!