Warum stehen wir immer noch so oft mit Kriegsfuß zu unserem Körper? Warum können so wenige von uns ihn akzeptieren und wertschätzen? Die Arbeit, die er für uns macht, so lange er gesund ist, wird selten so geschätzt wie unser äußerliches Erscheinungsbild. Solange es attraktiv ist, versteht sich. Aber was und wer genau definiert eigentlich Schönheit? Wieso erscheint sie oftmals erstrebenswerter als gesund zu sein?
Unser Buch VON HÖSCHEN UND HOFFNUNG, erschienen 2024 bei story.one, hat sich dieser Frage angenommen und über Gespräche reflektiert, die ich mit Frauen (und Männern!) über Jahre hinweg in den Umkleidekabinen einer Wäscheabteilung geführt habe.
2025 kam Miro Craemer, der bekannte Kurator und Künstler, auf uns zu: Ob wir auf Basis des Themas unseres Buches nicht für die Glockenbach Biennale München ein Konzept entwickeln können, welches Bezug zum mehrdeutigen Untertitel des Kunstfestivals „Sorry Bella“ nimmt, welcher auch als ein selbstbewusstes Bekenntnis zum Anderssein gelesen werden kann.

Es gibt diese besonderen Momente im Leben, wo alles in kurzer Zeit an seinen Platz fällt. Beim gemeinsamen Brainstorming mit Miro Craemer im Münchner Glockenbachviertel dauerte es ungefähr 10 Minuten und die Idee zu BELLA FIGURA war geboren. Die finale Gestalt entwickelten wir in den nächsten Wochen und am 02.07.25 war es endlich soweit: der Architekturbunker öffnete seine schweren Türen und mit den ersten Gästen begann unser Projekt…und wir wurden überrannt.
Die Regeln unserer interaktiven Performance waren folgende:
Aus den 39 Fragen, die wir zu Körperliebe und Körperwahrnehmung konzipiert hatte, zogen die Teilnehmenden 5 Fragen blind. Weder sie noch ich wussten also, welche Fragen gewählt wurden. Ich las die Fragen vor Wolfs laufender Kamera vor und die einzige Bitte war, absolut authentisch zu antworten. Es gab zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit, Antworten zu verweigern oder die Aufnahme abzubrechen. Auch danach konnte die Aufnahme auf Wunsch gelöscht werden. Nicht möglich war es jedoch, die Aufnahme anzusehen, um sich zu vergewissern, ob man „gut“ aussah oder „gut rüberkam“. Wir sind es so gewohnt, unser Erscheinungsbild auf Social Media zu redigieren, zu schneiden, zu filtern, dass Authentizität verloren geht.
Fragen zu beantworten wie diese: „Wenn Dein Körper eine Landschaft wäre, was für eine Landschaft wäre das?“ oder diese: „Wer oder was hat deinen Körper verletzt ohne ihn jemals zu berühren?“ führte häufig zu Irritationen, Erstaunen und dann einer großen Dankbarkeit, mit einen anderen Blick auf seinen Körper zu schauen und reflektieren zu dürfen. Nach der Aufnahme entstand noch von jeder Teilnehmerin und Teilnehmer ein fotografisches Portrait. Und obwohl die Teilnehmenden gefilmt wurden, sollten sie in der weiterführenden Dokumentation anonym bleiben, sprich mit der Veröffentlichung des Films wurden an keiner Stelle Namen genannt, auch nicht auf Social Media oder in der folgenden Ausstellung.

Im besten Fall – so dachten wir vor Beginn der Biennale – könnten wir zehn bis zwölf Personen finden, die sich an unserem Projekt beteiligen würden. Auch gingen wir davon aus, dass mehr Frauen bereit sein würden, unsere Fragen zu beantworten.
Wir wurden in beiden Punkten überrascht. Tatsächlich wollten so viele Menschen es am Eröffnungstag der Glockenbach Biennale an BELLA FIGURA teilnehmen, dass wir ohne Pause kommunizierten und filmten. In den darauffolgenden Tagen war es, bis auf wenige Tage, sehr ähnlich. Und es kamen sehr unterschiedliche Menschen: Männer, Frauen, jung, alt, hetero, queer – manche von ihnen wollten im Raum alleine sein mit uns, eine andere Gruppe saß zu viert im kleinen Raum, um so jeden Einzelnen der Freunde durch Anwesenheit unterstützen.
Aber nicht nur die Menge der Teilnehmenden überraschte uns, sondern auch, wie die unterschiedlichen Reaktionen der Menschen auf uns wirkten. Sahen wir uns eingangs ausschließlich als Beobachter, die nur Aussagen nur dokumentieren, wurden wir sehr schnell durch die überraschend persönlichen Einblicke, die die Menschen uns gewährten, berührt und bewegt. Es wurde von kontrollierenden Müttern, hart erkämpfter Akzeptanz des Körpers, Wut im Körper, Traurigkeiten über Verluste erzählt, es wurde gelacht und geweint. Wir hörten teils erfreut, teils sprachlos zu und konnten nur größte Bewunderung den Menschen gegenüber zollen, die sich so offen gezeigt haben. Nicht selten wurden wir umarmt und uns gedankt. Aber der Dank galt vor allem dem Menschen, die bei BELLA FIGURA mitgemacht und das Projekt erfolgreich gemacht haben.
Aus den während der Glockenbach Biennale gesammelten individuellen Stimmen und Sichtweisen formten wir ein also audiovisuelles Porträt über Körperidentität, Fremdwahrnehmung und Selbstbestimmung. Am 17.09.25 war es dann soweit und BELLA FIGURA wurde im mim – Raum für Kultur erstmals gezeigt. Das mim wird geleitet von Miro Craemer, den wir zusammen mit seinem Mann Prof. Bernhart Schwenk bereits für unsere Reihe People & Culture hier auf Stadtlocke interviewen durften.
Die Vernissage und die folgenden Wochen der Ausstellung hatten einen wunderbaren Nachhall, in dem die Besucher oftmals lange vor dem Film saßen und uns im Nachgang ihre Gefühle, das was BELLA FIGURA in ihnen anregte, mitteilten.
Wir wünschen uns für die Zukunft, dass immer mehr Menschen ihren Körper dankbar als ein Geschenk und nicht als unperfekten Ballast annehmen können, welcher uns befähigt wunderbare Dinge zu tun, zu kreieren und erleben. Die Fülle unserer Welt ist nur mit unserem Körper erlebbar, der sich durch sie hindurchbewegt – das Erscheinungsbild unseres Körpers ist dafür völlig nebensächlich.
Unser großer Dank gilt Miro Craemer, der uns diese wunderbare Möglichkeit gegeben hat, BELLA FIGURA ins mim und in die Welt zu tragen. Unser Dank gilt auch seinem Mann Bernhart Schwenk, der das Projekt tatkräftig mit unterstützt hat. Und natürlich danken wir all den Menschen, die uns ihr Vertrauen geschenkt haben und so offen gesprochen haben. Ohne euch wäre BELLA FIGURA nicht möglich gewesen.

BELLA FIGURA: