KI or not KI

Marcel Pesch, academy4.ai®, Stadtlocke
Marcel Pesch, Gründer von academy4.ai®, und Stadtlocke in der Ensider:Base

Das Interview mit Marcel Pesch, Gründer der academy4.ai®, durften wir in den Räumlichkeiten der Ensider:Base führen, dem Business und Finance Club der Kreativbranche.

Wir danken Markus Vogelbacher, Manager der Ensider:Base, für die freundliche Zurverfügungstellung und freuen uns, Ensider als unseren neuen Kooperationspartner von Stadtlocke begrüßen zu dürfen.

Ensider ist von Machern in der Kreativwirtschaft für Entscheidungsträger in derselben – wo Kreativität auf Produktivität trifft.

Herzlich Willkommen, Marcel Pesch in der Reihe People and Culture mit Stadtlocke. Marcel, du bist Gründer von academy4.ai®, eine Bildungseinrichtung für praxisnahe Trainings und Weiterbildung im Bereich künstliche Intelligenz. Darüber hinaus bist du Initiator des Weiterbildungsprogramms Master Management with AI zur Verbindung von Technologie, Wirtschaft und Führung.

Du bist Mitglied im KI-Bundesverband mit Engagement für Standards und ethische Leitlinien im KI-Umfeld. Darüber hinaus hast du langjährige Erfahrung in der Beratung, im Coaching und in der Weiterbildung von Organisationen. Du warst auf diversen großen Plattformen und hast über KI gesprochen, unter anderem auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel, einem jährlich stattfindenden hochkarätigen Networking- und Diskussionsforum am Tegernsee. Du hast auf dem TEDxTalk gesprochen. Du hast der Zeitschrift Business Punk ein Interview gegeben, der FAZ, und warst in vielen verschiedenen Podcasts. Es ist die logische Reihenfolge und Konseqenz, dass du jetzt hier bei Feelgood.FM mit Stadtlocke sprichst. Wir freuen uns sehr, dass du da bist. 

Aktuell kann man sagen, dass es kaum ein Thema gibt, welches heißer diskutiert wird als KI, außer vielleicht noch Trumps Zollpolitik. KI beschäftigt die Menschen momentan sehr, im Guten wie im Schlechten. Einige sehen die große Möglichkeit an großen Innovationen und Veränderungen, für andere ist es die größte Bedrohung überhaupt. Wir sehen es zum Beispiel gerade bei den Synchronsprechern, ein Markt, der komplett eingebrochen ist und die Menschen ihre Jobs verloren haben. 

Wie kamst du zur KI?

Erst mal vielen Dank für die Einladung heute. Das Thema KI behandeln wir seit über zehn Jahren, und academy4.ai® ist jetzt mittlerweile unser drittes KI-Unternehmen. Wir haben uns eigentlich schon immer mit dem Thema KI beschäftigt, denn KI ist ja letzten Endes auch nichts Neues. KI gibt es seit Mitte der 50er-Jahre, entstanden durch den sogenannten Turing-Test als Initiator. Und ich bin der Meinung, KI – so unsere Vision -ist heutzutage genauso notwendig wie eine zweite Fremdsprache. In vielen Fällen ist es so, wenn du kein Englisch kannst, hast du in vielen Bereichen verloren, und wir sehen es genauso im Bereich KI. Du musst dich mit KI beschäftigen. KI eröffnet unglaublich viele Chancen und Skalierungsmöglichkeiten.

Wie bist du persönlich dazu gekommen? Was war der Turning Point, dass du dir sagtest: das ist das Thema, für das ich mich begeistere und das möchte ich auch transformieren, weiterbringen und den Menschen nahebringen?

Es gibt zwei erste Berührungspunkte: zum einen nach dem Studium im Rahmen einer Beratungstätigkeit für ein großes US-amerikanisches Beratungshaus. Das war der erste Kontakt mit KI, wo ich mich gewundert habe, dass schon Anfang der 2000er Jahre große Unternehmen KI eingesetzt haben. Und dann war der zweite große Berührungspunkt im Oktober 2022. Ich erinnere mich noch – ein guter Freund von mir hat mir eine WhatsApp-Nachricht geschickt: „Hey Marcel, guck mal, das wird die Welt revolutionieren“. Und das war dann ein Link zu ChatGPT. Mein erstes spontanes Gefühl war: wow, krass, was ist das denn? Lass uns sofort damit genauer beschäftigen und vielleicht auch schon Leute in dem Bereich upskillen. Das waren die zwei ersten wesentlichen Berührungspunkte, würde ich sagen. Dann sind wir recht früh auch in das Thema Weiterbildung mit einer ChatGPT Basisschulung für größere Unternehmen eingestiegen.

Hast du das Gefühl, dass KI einer größeren Masse erst mit ChatGPT eigentlich bekannt geworden ist? Ich persönlich kann für mich sagen, ich hatte vorher keine größere Wahrnehmung von dem Umfang, wie KI nun genutzt wird, wobei das natürlich auch sehr irreführend ist, da letztendlich hinter jedem digitalem System KI steckt. Nehmen wir nur mal Social Media, da bestimmt KI seit Langem Algorithmen.

Zu 100 Prozent. Ich gebe ich dir recht, KI ist und war schon eigentlich immer in unserem täglichen Tun dabei. Ich gebe dir ein Beispiel: die Foto-App vom iPhone. Wenn du da zum Beispiel nach „Hund“ suchst, kriegst du plötzlich alle Hundebilder gezeigt. Da steckt natürlich auch letzten Endes eine KI dahinter. Und der weitere Punkt, den du aufgeführt hast: ChatGPT war der wesentliche Initiator, dass plötzlich auch Privatpersonen erstmalig einen Berührungspunkt mit KI hatten, was davor nur primär Unternehmen hatten.

Das Spannende ist: Es gibt super viele Use Cases, wie man auch als Privatperson ChatGPT und Co. sehr gut nutzen kann. Ich gebe dir ein Beispiel: Du bist am Samstag zu Hause und weißt nicht, was du kochen willst. Dann machst du kurz ein Foto vom Kühlschrankinhalt und lässt dir dann über einen entsprechenden Prompt Vorschläge unterbreiten, wie z.B.: „Hey, agiere als Fünf-Sterne-Michelin-Chefkoch und mach mir drei coole Rezeptvorschläge mit dem Kühlschrankinhalt, den du hier siehst.“  Nur ein Beispiel von Tausenden.

Wir haben uns dem Interview vorab schon ein bisschen unterhalten. Du bist freundlicherweise von Düsseldorf mit einem Zwischenstopp über Hamburg hierher gejettet und wir freuen uns sehr, dass du es noch geschafft hast, zu kommen, bevor es für dich morgen weiter geht zu einer Veranstaltung an den Tegernsee. Und als wir so kurz gesprochen haben, meintest du – mit einem leichten Lächeln auf den Lippen – ChatGPT allein ist noch keine KI. Wie meinst du das?

KI ist viel, viel mehr als einfach ChatGPT auf seinem Rechner zu installieren. KI ist letzten Endes auch eine Veränderung des Mindsets. Das heißt, wenn du mit KI arbeitest – so finde ich – benötigt heutzutage jeder und jede auch eine Führungsverantwortung. KI sehen wir als Mitarbeiter, als Mitarbeiterin oder wie einen Praktikanten, dem die Richtung fehlt und du musst durch gezieltes Prompten, also durch deine Befehle, ihm oder ihr – wer weiß, was KI ist – sagen, was zu tun ist. Und deshalb denke ich, KI bedeutet, dass entsprechend jeder, der mit KI arbeitet, wie bei einer Delegation an Mitarbeiter entsprechend eine Führungsverantwortung hat. 

Hinter KI stecken auch beispielsweise solche Themen wie Automationen, Agenten, – was gerade auch ein sehr heiß diskutiertes Thema ist – Workflow-Automatisierung, solche Geschichten. Viele denken in Bezug auf ChatGPT, das sei die eierlegende Wollmilchsau. Würde ich nicht behaupten. Es gibt sehr viele Use Cases, die wir sehen, wo der Einsatz von KI gar keinen Sinn macht. Ich finde das Thema auch ein bisschen overhyped – gerade wenn es um KI-Agenten geht.

Ich gebe dir ein Beispiel: Ich könnte mir jetzt einen Rechtsanwalt bauen, beispielsweise mit n8n, also einen KI-Agenten als Rechtsanwalt. Aber mein echter Rechtsanwalt, der Torben, der ist wahrscheinlich viel, viel schneller, weil er am Ende – statistisch betrachtet – weniger halluziniert, also Fehler macht, als vielleicht eine KI. Oder nimm eine Flugbuchung: wenn ich jetzt den Flug heute über einen Agenten gebucht hätte, hätte ich wahrscheinlich 40 oder 50 Prozent länger gebraucht, als wenn ich es selbst gemacht hätte. Und das muss man immer abwägen.

Es gibt auch viele Cases, wo der Einsatz von KI gar keinen Sinn macht und auch möglicherweise ChatGPT nicht das beste Tool ist. Es gibt sehr viele auch Use-Case-spezifische Tools. Wenn man zum Beispiel in Datenanalysen geht, dann benutzt man eher Claude Anthropic. Wenn ich kreativ arbeite, dann gehe ich vielleicht eher auf Gemini

Das war gerade im Zusammengang mit KI ein sehr interessantes Stichwort: kreativ. Hier erleben wir ganz oft in Diskussionen im privaten Umfeld und diese enden meist in Schwarz-Weiß-Ansichten. Die einen sagen, es ermögliche ihnen auf ihre Art und Weise eine Idee kreativ umzusetzen. Die anderen sind der Meinung, die Benutzung von KI sei keine Kreativität. Nur wenn du wirklich Farbe und Pinsel in die Hand nimmst, seist du kreativ – überspitzt formuliert. Was möchtest du diesen Menschen entgegnen?

Ich verstehe die Meinung, bin aber persönlich ganz anderer Ansicht. Ich denke, wenn man KI richtig einsetzt, kann sie ein unglaublicher Kreativitätsbooster sein. Und KI ersetzt uns auch nicht. Ich spreche sehr gerne von der sogenannten synthetischen Synchronisation. Das heißt, in dem Moment, wo du als Mensch deine Kreativität nutzt, gepaart mit der Inspiration, vielleicht auch mit unkonventionellen Ideen, die dir dann die KI kommuniziert, kommst du auf vielleicht noch viel kreativere Ideen oder Impulse, die du sonst selbst gar nicht hättest.

Und das ist auch das Feedback in unseren Weiterbildungen, wo wir tatsächlich sehr viele Kreative haben, also Künstler, Videografen, Fotografen etc., die dann plötzlich, wenn sie sich mit Flux, Mid-Journey oder Nano Banana beschäftigen, das Potenzial erkennen. Oft ist es so, dass das Potenzial der KI erst dann sichtbar wird, wenn auch dein Input, also der Prompt, qualitativ ist. Das heißt, letzten Endes bestimmt trotzdem der Nutzer, die Nutzerin, den Output durch einen entsprechend gezielten Prompt in Kombination mit entsprechenden Kreativitätstools. Ich persönlich sehe KI als Kreativitätsbooster.

Ich höre bei deinen Schilderungen raus: der Prompt ist der Dreh- und Angelpunkt bei der KI?

Eindeutig. Viele denkenn, es sei das Modell, mit dem man arbeitet. Und viele denken auch, es ist das Tool, das den Output beeinflusst. Und das würde ich nicht unterschreiben. Es ist im Wesentlichen der Prompt, also dein Input, das, was du der KI kommunizierst. Und letzten Endes ist es ja – ich habe ich eben schon angesprochen – ähnlich wie bei einer Delegation an einen Mitarbeiter, an eine Mitarbeiterin. Je besser du delegierst, desto besser ist der Output, desto weniger Rückfragen gibt es, desto weniger Iterationsschleifen. Und genauso ist es auch bei einem guten Prompt. Ein Prompt ist nichts anderes als gutes Delegieren. Stell dir vor, du hast das neue iPhone 17, aber du kannst das Modell nicht bedienen. Es ist genau dasselbe. Du kannst tolle Modelle haben, aber wenn du es nicht bedienen kannst, dann macht auch das beste Modell keinen Sinn.

Vielen Menschen geht es so wie mir: sie haben eigentlich gar keine Vorstellung davon, wie viel KI schon im Hintergrund läuft und wie man KI wirklich gezielt einsetzt. Das ist mit Sicherheit eine sehr allgemeine Frage, aber vielleicht kannst du sie dennoch beantworten: Was ist für dich der größte Nutzen von KI in der aktuellen Zeit?

Der größte Nutzen – meinst du für mich persönlich oder für unser Unternehmen?

Beantworte gerne beides.

Ich würde es mit einem Wort betiteln: Zeitersparnis. Es ist eine unglaubliche Zeitersparnis. Beispielsweise haben wir vor über einem Jahr einen persönlichen Assistenten für mich gebaut. Bei mir ist das der Hans-Otto. Bei uns haben alle Agenten oder auch GPTs Namen. Die haben alle ein Bild. Die haben eine digitale Personalakte. Mit denen führen wir Mitarbeitergespräche. Die sind komplett in unsere Teams-Kanäle, also Teams-Channels, aber auch in Slack integriert als vollwertiger Mitarbeiter, und die erledigen Aufgaben für uns.

Nehmen wir ein Beispiel: Ich bin im Auto und connecte meine Bluetooth-Einrichtung mit einem LLM meiner Wahl, also mit Chat-GPT oder einem anderen Tool, und dann sage ich dem Hans-Otto, hey Hans-Otto, ich würde gerne nächste Woche Donnerstag mit Max Abendessen gehen im Restaurant XY. Mach bitte einen Kalendereintrag und schick bitte auch direkt eine E-Mail raus. Dann muss ich das nicht händisch machen, sondern es wird, während ich Auto fahre, von dem Assistenten direkt erledigt.

Es ist eine enorme Zeitersparnis, wenn es in solche Themen geht wie Vertrieb, Akquise, also Neukundengeschäft, oder zum Beispiel FAQs oder Customer Support, das kann alles schon sehr simpel automatisiert werden. Hier ist es ganz wichtig, zu diferenzieren zwischen Agenten und Automation. Viele sprechen in der aktuellen Zeit ja von KI-Agenten. Oft steckt letzten Endes hinter einem Prozess nicht ein Agent, sondern in der Regel eine Automation. Das muss nochmal klargestellt werden, denn diesen Begriff finde ich persönlich ein bisschen overhyped. Viele sagen: ich baue mir ein Agent. Aber oftmals ist es kein Agent, sondern eine Automation.

Kannst du diesen Unterschied noch mal ein bisschen näher erklären?

Ja klar. Eine Automation ist dann gegeben, wenn es sich um repetitive, singuläre Prozesse handelt. Als Beispiel: jemand kommt auf deine Webseite, füllt ein Kontaktformular aus und die Daten in dem Kontaktformular sollen in ein CRM-System übertragen werden. Das ist immer derselbe Prozess. Leute tragen etwas ein, es muss in das CRM-System eingetragen werden, da kann man sehr easy eine Automation bauen. Das dauert ein, zwei Minuten, dann muss man das nicht mehr händisch machen. In der Regel wird mehr als nur das CRM-Tool angesteuert, beispielsweise auch dein LinkedIn-Kanal, deine Facebook-Page, dein E-Mail-Konto, dein Google-Kalender etc. 

Der Agent hingegen – bezogen auf deinen Input – ist verbunden mit diesen fünf, sechs Tools. Wenn du ihm dann sagst, hey, bitte mach einen Kalendereintrag, dann entscheidet der Agent selber – das ist der wesentliche Unterschied zur Automation – welches Tool er ansteuern muss, um diesen Kalendereintrag zu machen. Es macht keinen Sinn, bei einem Kalendereintrag Google-Mail anzusteuern, es macht keinen Sinn, Slack anzusteuern. Der Agent weiß, bezogen auf deinen Input, dass das Einzige, was Sinn macht, der Google-Kalender ist. Der Agent hat also eine gewisse Fähigkeit, selbst zu entscheiden, bezogen auf deinem Input, was für ein Tool angesteuert wird.

Jetzt muss ich auf etwas zurückkommen, was man sich als KI-Neuling gar nicht vorstellen kann. Du sagst, du führst oder ihr führt mit euren KI-Agenten Mitarbeitergespräche. So ein Mitarbeitergespräch, wie wir das in der herkömmlichen Arbeitswelt kennen, dient dazu, die Arbeitssituation zu optimieren, oder Feedback zu bekommen von den Mitarbeitern. Meistens ist es allerdings so, dass man eigentlich nur den Mitarbeitenden Feedback geben will, was sie besser machen können. Umgekehrt wird es in der Regel nicht so gerne gehört. Wenn es ein guter Betrieb ist, geht es auch darum, dass man eine Beziehung zu den Mitarbeitenden aufbaut. Beim einem KI-Agenten fällt das logischerweise hinten über. Wie führt man ein Mitarbeitergespräch mit einem KI-Agenten und wozu dient es?

Ich würde nicht unterschreiben, dass es hinten rüber fällt. Bei uns haben alle KI-Agenten Namen. Wir haben aktuell 23 KI-Agenten im Einsatz und drei echte Menschen und skalieren von Monat zu Monat in unserem Business mit diesen 23 Agenten und Agentinnen. Der erste Schritt ist – und das unterschätzen viele – jedem Agenten, jeder Agentin ein Wertekonstrukt zu hinterlegen. Das heißt also, wenn dir zum Beispiel offene Kommunikation wichtig ist, dann sage ich das dem Agenten und hinterlege das sozusagen in seiner Knowledge Base oder in seinem Gedächtnis: „Pass auf, kommuniziere bitte immer offen und ehrlich. Ich bin nicht perfekt, du bist nicht perfekt, aber lass uns gemeinsam an einer guten Sache arbeiten oder produktiv, effizient arbeiten.“ Oder wenn du zum Beispiel ein Code of Conduct hast oder Compliance-Standards oder Unternehmenswerte – die muss der Agent kennen. Das wäre der erste Schritt.

Du musst den Agenten ein bisschen formen, ihm einen Charakter schaffen. Ein Agent definiert sich durch drei Kernelemente. Ein Agent besteht immer aus einem Gedächtnis. Das heißt, du musst das Gedächtnis definieren, was der Agent wissen, was für einen Charakter, was für eine Persönlichkeit er haben soll. Deshalb gibt es auch diese Einstellungen, die vielleicht der ein oder andere Zuhörer, Zuhörerin kennt, wie beispielsweise den Tonfall. Soll er exzentrisch, sachlich, on the point, straight etc. sein? Das sind Basiseinstellungen, bei denen man auch schon selber ein bisschen herumspielen kann, um einen gewissen Charakter zu schaffen.

Bei dem Element Gedächtnis ist es also sehr wichtig ist, welche Daten man hochlädt. Das heißt, du bist am Ende auch verantwortlich für den Output, also was der Agent weiß und was er nicht weiß. Dann gibt es das zweite Element, das ist ein LLM, wie z.B. ChatGPT, das mit dem Gedächtnis verbunden ist über eine Schnittstelle, eine API. Und dann gibt es das dritte Element, ein Tool, also der Ort, wo der Output zu sehen sein wird.

Zu deiner Frage, wie man ein Mitarbeitergespräch mit einem Agenten führt: das ist simpel: Wir haben beispielsweise den Agenten Hans-Otto, also meinen Geschäftsführerassistenten, in Slack und auch in Teams integriert. Und wenn wir dann ein Teams-Meeting machen, dann sagen wir, Marcel, Stefan, Jürgen, Hans-Otto und so weiter, ihr kommt mal mit rein ins Meeting. Wir chatten mit denen.

Dem Franzl, der bei uns Head of Marketing ist, sagen wir, hey Franzl, reflektiere dich doch mal selbst. Franzl ist für jeden Linkedin-Post verantwortlich. Franzel, wie würdest du deine Performance in dieser Woche definieren? Was lief gut, was lief nicht gut? Wie könntest du dich challengen, um vielleicht noch besser zu werden? Was würdest du optimieren bezogen auf die entsprechenden KPIs, die wir dann natürlich auch über eine Schnittstelle dem Franzl bereitstellen, beispielsweise wie viele Impressionen ein Post hatte, etc. Dann reflektiert er sich selbst. Oder wir sagen zu Nadine, welche die Produktentwicklung bei uns macht, dass Nadine auch entsprechend in den Austausch gehen soll mit Lokita. Lokita sammelt alle Kunden-Feedbacks von unseren Teilnehmenden in unserer Weiterbildungsreise. Wir bitten also Lokita, die Teilnehmerstimmen ein bisschen mehr zu hinterfragen in verschiedenen Bereichen, denn diese Informationen benötige ich, um das Produkt entsprechend vielleicht noch sexier zu gestalten für eine bestimmte Lernreise. Die Agenten reden miteinander und wir haben sie so gebaut, dass sie sich selbst challengen und reflektieren.

Das ist ganz wichtig: Ein Agent kann sich selbst auch reflektieren. Du musst es ihm nur sagen. Das unterschätzen viele. Du musst es ihm sagen – und das ist auch eine grundlegende Kompetenz für die Benutzung von KI. Wir können nicht davon ausgehen, dass der Agent oder ein LLM weiß, was wir wollen. Das ist Basiswissen erstes Semester Informatikstudium: Shit in, shit out. Wir müssen sagen, was wir wollen, und erst dann versteht die KI auch, was wir wollen. Die weiß es nicht vorher und genau das unterschätzen die meisten.

Nutzt ihr die KI oder einen Agenten auch für Reflexionen eurer Personen, bzw. eurer Entscheidungen? Wenn ihr eine Teambesprechung habt oder du vielleicht auch persönlich für eine eigene Reflexion? Hast du oder habt ihr Agenten, die euch in der Teambesprechung oder in einem 1zu1-Gespräch kritisch reflektieren, kritisches Feedback geben? Wäre das etwas, was für dich von Nutzen wäre?

Total. Ich habe eine Agentin, die Konstantina, die challenged mich im Kontext Strategien. Wenn ich irgendeine Idee, eine Vision habe, und ich z.B. im Auto für eine Stunde unterwegs bin oder im Stau stehe, dann gehe ich entsprechend über die Freisprecheinrichtungen direkt auf die Lokita und sage, hey Lokita, ich habe diese und jene Idee. Ich will ein neues Produkt entwickeln, etc. Was hältst du davon? Wir haben Lokita so gebaut, dass sie mich extrem challenged, mir auch Widerworte gibt und eben nicht nett zu mir ist, und das ist auch gewollt. 

Der Trend, den wir gerade sehen, ist, dass die Meisten an einem eigenen Business Case arbeiten, sich eigene Automationen und Agenten bauen und dann aber monieren, dass die KI ihnen nach dem Mund redet. Aber dafür bist du selber verantwortlich, du bist selber schuld, weil du nicht darauf achtest, der KI vorher in deinem Prompting zu sagen, dass sie dich challengen soll, dass sie auch mal von dir validierte Informationen haben möchte, dass sie auch mal kritisch hinterfragt. Das solltest du vorher ganz klar kommunizieren.

Kommen wir mal auf die Academy4.AI® zu sprechen. Wann habt ihr die gegründet? Erzähle uns, wie die Weiterbildung, Fortbildung aufgebaut ist. An wen ist sie gerichtet und mit welchem Wissen, mit welchem Nutzen geht man raus?

Unsere Zielgruppe ist jede und jeder, denn wir sind der Meinung, und das ist auch unsere Vision, dass jeder KI-Kompetenz benötigt. Die letzten zweieinhalb Jahre haben über 1600 Leute an unseren Kursen teilgenommen. Betrachten wir die Verteilung der Teilnehmenden, so sind ungefähr 30% aus dem Mittelstand und Konzernen. Also auch DAX-Unternehmen, die mit uns zusammenarbeiten. Und die anderen 70% sind Freiberufler, Solo-Selbstständige, Solopreneure, aber auch Start-ups. Unsere Vision ist es, dass man gerade dann, wenn man ein kleineres Unternehmen und vielleicht nur ein, zwei Mitarbeiter hat oder eben ein Selbstständiger, eine Selbstständige ist, dass man am Ende des Kurses mit einem eigenen Team hat aus KI-Agenten arbeitet, die entsprechend das eigene Business voranbringen. Das ist unsere Vision.

In der Weiterbildung kooperieren wir mit starken Partnern, beispielsweise ist Patrick, CSO der Deutschen Bahn, Dozent bei uns. Oder auch Christina von der Kanzlei Loschelder. Wir haben neun Module und jedes Modul ist bestückt mit einem Top-Experten aus Industrie und Wirtschaft. Das geht von Marketing über Sales, Automationen, Agenten, Mitarbeiterführung und KI, Projektmanagement, rechtliche Grundlagen, etc. Das Spannende hierbei ist, das man es berufsbegleitend machen kann. Das heißt, du hast in der Regel so einen Aufwand von fünf bis sechs Stunden pro Woche. Super hands-on, das heißt, du arbeitest selbst an deinem eigenen Business Case oder optional an einer fiktiven Fallstudie.

Montag bis Donnerstag bist du flexibel in der Zeiteinteilung, wir haben eine eigene Lernumgebung gebaut, in der du agierst. Und der einzige Tag, wo wir uns live online treffen, ist der Freitag, wo es dann eben in den Austausch geht, zum Use Case oder der Fallstudio. Man arbeitet in kleinen Grüppchen von ca. vier Personen. Alles super hands-on – sieben Fallstudien in neun Modulen. Das Ganze endet mit einem international anerkannten Business School Zertifikat und erfüllt auch die Voraussetzungen des Artikels 4 der KI-Verordnung, denn dieser Artikel besagt, dass KI-Kompetenzen seit dem 2. Februar 2025, Pflicht sind. Und das haben, by the way, die wenigsten auf dem Schirm. Zusätzlicher Benefit: Wir haben staatliche Fördermöglichkeiten von bis zu 90 Prozent für die Weiterbildung – sicherlich auch dem geschuldet, dass wir so viele Soloselbstständige, Kreative in den Kursen haben. 

Wer nimmt teil an euren Weiterbildungen? Dominiert eine bestimmte Altersgruppe, gibt es mehr Männer oder mehr Frauen oder ist das ausgewogen? Und wie sieht es aus mit dem Alter eurer Teilnehmenden aus, habe ihr totale Ausschläge nach oben oder nach unten? 

Wir sind sehr stark in verschiedenen Fraueninitiativen engagiert. Eine unserer Missionen ist es, gerade auch weibliche Teilnehmerinnen in den Kurs zu bekommen. Stand jetzt, würde ich sagen, ist, dass ca. 63 Prozent aller Teilnehmenden Frauen sind. Wir möchte eben auch aufzuzeigen, dass KI nicht mehr bedeutet, dass da der Max sitzt, erstes Semester Informatikstudium mit Hornbrille und Karo-Hemd, sondern dass jeder KI kann. Es gibt immer noch diese Gap bei weiblichen Führungskräften, die sagen, hey, ich kann KI nicht – doch, jeder kann KI! Das ist eine unserer wichtigsten Mission in der KI-Vermittlung. 

Wir engagieren uns in vielen Frauennetzwerken, im RISE-Netzwerk, im Hunting Her oder auch She Innovates Tech Club und zig anderen Frauennetzwerken und werden – ich kann es ja schon mal vorwegnehmen – jetzt auch dieses Jahr noch ein kleines Bonusmodul veröffentlichen zum Thema Diversity und zum Thema Fem-AI. Das ist uns ganz wichtig.

Und zum Altersdurchschnitt würde ich sagen – und das zahlt auch noch mal auf dieses Thema ein, was ich gerade angesprochen habe – sind es eben nicht unbedingt die jungen Leute oder irgendwelche Super-Nerds. Altersdurchschnitt, würde ich sagen, ist so Ende 30. Wir haben spannenderweise immer mehr Rentner, die bei uns den Kurs machen. Ein Teilnehmer aus Nürnberg jetzt am Start, der macht jetzt die zweite Weiterbildung bei uns, Adalbert, der ist 73 oder 74 Jahre alt, super engagiert. Gestern habe ich wieder mit einer Rentnerin gesprochen, die Interesse am Kurs hat. Finde ich mega spannend. Also, dass da auch so eine Awareness kommt, finde ich echt cool.

Das heißt, in diesen speziellen Fällen, die du zuletzt genannt hast, besteht der Anreiz gar nicht darin, besser im Job zu sein, sondern einfach ein Interesse daran, was KI überhaupt ist, wie sie sich weiterentwickelt und selbst eben nicht hinten rüber zufallen in der Entwicklung.

Total. Ich kenne es gegenteilig von meinem eigenen Vater. Der hat damals immer gesagt: Internet brauche ich nicht.Smartphone, Facetime, brauche ich nicht. Und dann am Ende monieren, dass man keinen Videocall machen kann, weil er kein Handy haben wollte oder möchte. Und genauso ist es auch mit KI. Es ist einfach eine neue Technologie. Ich vergleiche es mit dem Internet. Die aktuelle Entwicklung ist vielleicht sogar noch krasser, zum Teil noch positiv disruptiver als das Internet. Und damit muss man sich beschäftigen. Wer sich nicht damit beschäftigt, wird beruflich, aber auch privat auf der Strecke bleiben. Ist einfach so.

Du hast gerade ein Stichwort gesagt, da muss ich direkt nachfragen: Was kann man sich unter Fem-AI vorstellen?

Ja, feministische KI. Ich gebe dir ein Beispiel: Wenn du ChatGPT fragen würdest: bitte erstelle mir ein Bild eines CEO, dann wird, in sieben von zehn Fällen ein Mann da rauskommen. Wir haben das getestet. Letzten Endes muss man sagen, dass KI nichts anderes ist als Mathematik beziehungsweise Wahrscheinlichkeitsrechnung und weltweit sind statistisch mehr Männer CEOs als Frauen. Aber trotzdem ist es schon irgendwo gebiased, wenn dann ein Mann dort zu sehen ist und keine Frau alternativ angeboten wird.

Oder nehmen wir beispielsweise das Thema HR: Wenn du eine Stellenausschreibung hast und dann wird aufgrund von gewissen Keywords vielleicht eher dann ein Mann bevorzugt etc. Mit diesen Dingen sollte man sich auseinandersetzen. Das ist so der Gedanke dahinter. Also einfach diese Reduktion von Bias, also von Voreingenommenheit, eine stärkere Awareness herbeiführen bezogen auf das Thema Diversity. Aber ich will auch nicht zu viel vorwegnehmen, denn es wird ein Modul bei uns in dem MMAI-Kurs.

Wir sind gespannt. KI empfinden viele Menschen als die ganz große Bedrohung und sehen dystopische Szenarien auf uns zukommen: Wir verlieren das Denken. Wir schaffen uns selbst ab. Die Maschinen werden übernehmen. Für wie realistisch hältst du die Ängste oder solche Zukunftsszenarien?

Ich denke, ähnliche Ängste gab es damals mit dem Internet. Ähnliche Ängste gab es damals mit dem Smartphone. Ähnliche Ängste gab es damals im Rahmen der industriellen Revolution. Immer dann, wenn irgendwas revolutionär ist und vielleicht auch gewissermaßen disruptiv ist, gibt es solche Ängste. Was auch verständlich ist, aber in diesen Innovationen, oder ich würde sogar sagen, in dieser Revolution, in der wir uns gerade befinden, stecken natürlich auch enorme Chancen.

Ich denke, wir werden eine Kompetenzverschiebung haben. Wir machen gerade in diesem Kontext, bereits im zweiten Jahr schon, ein ehrenamtliches Projekt mit der Stiftung Bildung in Berlin, zusammen mit Katja Hinze. Da geht es in drei Workshops, die wir auch kostenfrei anbieten, um die Themen KI für Eltern, KI für Lehrer, KI für Schüler. Wir sollten gerade auch in den Schulen und den Universitäten ansetzen, dass man da auch mal andere Fächer mit reinnimmt. Klar, es gibt Medienkompetenz, nice. Aber ich denke, ein Schulfach „Wie du richtig promptest“ könnte spannend sein.

Denn die Art der Kommunikation verändert sich. Die wird viel, viel granularer. Ich gebe dir ein Beispiel. Ich könnte dir jetzt sagen, hey, kannst du mir einen Kaffee bringen? Dann würdest du das verstehen. Aber eine KI wird das nicht verstehen, denn einer KI ist das zu schwammig. Ich müsste der KI eigentlich sagen, hey, kannst du bitte aufstehen, nach links gehen, den rechten Fuß vor den linken setzen und bewege dich bitte zu der Kaffeemaschine rechts von dir, denn im Raum stehen noch drei andere Kaffeemaschinen. Prompting-Kompetenz und kritisches Denken wird relevanter. Da sollte man ansetzen. Man kann Josef Alois Schumpeter zitieren, der spricht von einer schöpferischen Zerstörung, wie man das oft bei Revolutionen erlebt. Das finde ich spannend. Immer dann, wenn was zerstört wird, entsteht auch etwas Neues. Und genauso sehe ich das jetzt gerade im Kontext KI.

Wir haben uns hier in der Ensider:Base auf der KI Forum Media Conference kennengelernt. Wenn du unterwegs bist, national, international und auf großen sowie kleinen Bühnen über das Thema KI sprichst, triffst du dann immer noch auf viele ungläubige Gesichter? Während der Media-Conference in der Ensider Base hast du in no time einen KI-Agent gebaut und wir Zuschauende haben alle ungläubig geschaut. Total Zukunftsmusik für die meisten von uns. Triffst du in der Regel noch immer auf viele Menschen, für die KI Neuland ist? Oder wandelt es sich und du sprichst vermehrt vor Fachpublikum?

Es ist für sehr viele immer noch Neuland. Ich stelle ganz zu Beginn immer drei Fragen bei den Keynotes. Ich war heute morgen auch bei einer in Hamburg, jetzt bin ich bei dir. Die erste Frage, die ich stelle, ist, wer nutzt ChatsGPT und Co.? Da melden sich in der Regel 95 Prozent. Die zweite Frage, wer von euch hat schon mal eine Automation gebaut? Da wird es schon weniger. Das sind dann vielleicht ein Viertel. Und dann die Frage, wer nutzt eigentlich gezielt in seinem Business Agenten? Das sind dann vielleicht zwei, drei Prozent von den Teilnehmenden. Also ChatGPT und Co. ist angekommen, aber die wahren Hebel in der Benutzung von KI sehe ich persönlich dann, wenn man mit Agenten oder mit Automationen arbeitet, denn die entlasten dann wirklich. Denn Prompten können schon viele, aber Prompten ist natürlich auch sehr zeitaufwendig. Und du willst ja eine Zeitersparnis haben. Das war ja auch eine Frage von dir. Was macht KI? Sie soll einem Zeitersparnis bringen. Prompten kostet aber Zeit. Und wenn man sich das auf einem Reifegradmodell anschaut, dann sieht man: die meisten starten mit einer Conversation. Das heißt, sie nutzen dann beispielsweise ChatGPT und Co. wie eine Google-Suchanfrage.

Dann merken die User plötzlich, hm okay, das Ergebnis ist doch nicht so toll. Dann wird Prompten plötzlich wichtiger, ist aber auch noch relativ zeitaufwendig. Dann kommt irgendwann die nächste Stufe wie das Prompten von Automation oder Agenten. Und an dieser Stelle, so mein Eindruck, stehen noch sehr, sehr wenige. Egal auf welchen Bühnen ich bis jetzt war. 

Letztes Jahr bei der Bits and Bretzel hier in München oder auch bei dem Big Bang KI Festival in Berlin letztes Jahr – ich habe immer dieselbe Frage gestellt und ich habe immer dieselbe Antwort von den Teilnehmenden bekommen. Das läuft jetzt schon seit knapp zwei Jahre so.

In einem Interview hast du mal einen interessanten Punkt angesprochen. Da möchte ich mich auch nochmal gerne mit dir darüber austauschen. Du hast ein bisschen davor gewarnt, KI völlig unreflektiert als Suchmaschine zu benutzen. Tatsächlich erleben wir dies auch in unserem Umfeld sehr oft. Chat-GPT wird einfach zu jedem Kram befragt und das Ergebnis wird völlig unreflektiert als bare Münze angenommen, adaptiert und überhaupt nicht mehr hinterfragt. 

Wir haben bei Chat-GPT eine – das zumindest OpenAI, also der Anbieter von Chat-GPT – statistische Halluzinationswahrscheinlichkeit von 3%. Das bedeutet, 3% der Ergebnisse, die du liest, sind statistisch halluziniert, also eine fehlerhafte oder falsche Information, die aber glaubhaft klingt. Wir im Team hinterfragen kritisch in einem Konsensusverfahren.  Und das kritische Hinterfragen mit Hilfe einen Konsensusverfahrens sollte auf jeden Fall auch eine Kompetenz werden in den Schulen, in Universitäten und auch in den Unternehmen.

Konsensusverfahren bedeutet – wir kennen das beispielsweise bei Team-Meetings von einem Mehr-Augen-Prinzip – dass man nochmal 2 bis 4 Leute auf den Output schauen und dann kritisch reflektieren lässt. Also hinterfragen, ob diese Aussage wirklich Sinn macht. So würde ich vorgehen. Man kann dieses Konsensusverfahren auch auf agentische Strukturen übertragen, das testen wir gerade.

Wenn man beispielsweise ein Ergebnis-Output nochmals von 6, 7, oder 8 Agenten prüfen lässt, wobei hier auch unterschiedliche LLMs verwendet werden sollten. Das heißt, der eine Agent läuft dann auf Claude Anthropic, der andere läuft auf Mistral, der andere läuft auf Gemini. Die haben unterschiedliche Fachkompetenzen und die schauen dann auf den Output. So kann man eine gewisse Reduktion bei der Halluzination erfahren. Es ist aber wichtig zu wissen, dass man eine Halluzination nie auf null bekommt. Letzten Endes ist es bei Menschen genauso. Vielleicht nicht in dem Maße wie eine KI, aber Halluzinieren ist eben auch menschlich und somit ist es auch agentisch.

Unser Interview wird in transkribierter Form hier auf Stadtlocke veröffentlicht und als Audio auf Feelgood.FM gesendet. Dort spielt natürlich Musik die allererste Geige. Was hältst du von KI-generierter, komponierter Musik?

Ich persönlich bin kein Freund davon. Aber es ist unabwendbar, wenn du dir solche Tools anschaust wie Suno, wo du in zwei, drei Minuten einen eigenen Hit erstellen kannst. Ich denke, dass die Reise dahin gehen wird. Ich hatte dazu auch bei LinkedIn vor ein Thema KI in der Musik. Vor einigen Wochen gabe es einen KI-generierten Hit in den USA. Und letztes Jahr hatten wir in Deutschland auch einen KI-erstellten Song. Der war in den Top 10 Charts, glaube ich, oder Top 20: Verknallt in einen Talahon. KI erstellt. Die Leute haben es gefeiert. Ich denke, da wird die Reise hingehen, dass wir immer mehr KI-erstellte Songs sehen. 

Aber ich glaube auch, dass es zu einem Shift führen wird. Dadurch dass du mehr KI-erstellte Songs am Markt sehen wirst in den nächsten Jahren, wird der echte Künstler, die echte Künstlerin wichtiger werden. Dieses menschliche Face-to-Face, die Person hinter einem Song wird in naher Zukunft relevanter werden. Ich glaube auch, dass Sozialkompetenzen immer stärker gefragt sein werden. KI, so denke ich, wird zu einem Trend führen, dass Menschlichkeit und vielleicht auch ein Face hinter einer Brand immer relevanter und wichtiger wird.

 Auf Social Media gibt es auch schon eine Tendenz, dass es immer mehr Menschen gibt, die sagen, wir wollen gar nicht mehr die perfekten Gesichter sehen. Wir wollen endlich wieder authentische Gesichter sehen. So als Gegenspiel zu diesen jahrelangen von Influencern hochgetriebenen perfekten Gesichtern. Das perfekte Produkt, das auf einer perfekten Plattform präsentiert wird, ist nicht mehr so gehyped. Diese Gegenbewegung ist mit Sicherheit noch nicht sehr groß, aber ich persönlich nehme sie schon wahr. Wie ist dein Eindruck?

Ich denke auch, dass Imperfektion, also Greifbarkeit Trend wird, aber am Ende gekoppelt mit KI. Das wird der Game Changer sein. Beispielsweise ein mit KI inspirierter Post, aber unterlegt mit einem authentischen Bild.

Auf der anderen Seite muss man sagen, dass es sehr viele erfolgreiche KI-Influencerinnen gibt. Nehmen wir beispielsweise Fit Aitana. Aitana López hat knapp 400.000 Follower bei Instagram. Ist kein echter Mensch und macht mittlerweile Werbekampagnen für echt große Brands. Dahinter steckt natürlich ein riesiges Businessmodell, welches drei Jungs aus Barcelona umsetzen. Ich habe die mal kennengelernt, sehr innovative Jungs. Die Modemarke Mango hat 2024 ihr Kollektion zum ersten Mal komplett mit KI-Models erstellt. Gerade im Fashion- und Influencerbereich ist KI ein riesiger Hebel. Allerdings stellt sich hier die Frage nach der Nachhaltigkeit.

Für mich ganz persönlich ist KI gekoppelt mit Authentizität unschlagbar. Aber es gibt viele – und ich denke, dass ist auch ein generationelles Thema – die komplett auf diese AI-Influencer anspringen. Auch in der Pornoindustrie gibt es mittlerweile einen Riesenmarkt im Bereich KI-Pornos. In vielen Branchen tut sich hier ein sehr großer Markt auf. 

Das sind die erschreckenderen Tendenzen, aber wir werden sie nicht verhindern können. Die gab es auch schon vorher und die wird es natürlich mit KI weitergeben. Kommen wir nochmal auf die Musik zu sprechen. Was bedeutet Musik dir persönlich und welche Art von Musik hörst du gerne?

Wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass ich oft in Südamerika unterwegs war und auch in Spanien gelebt habe, Reggaeton und Salsa. Also wenn du jetzt hier Reggaeton anmachst, dann tanze ich auf dem Tisch. Und bei Salsa – dann wahrscheinlich Salsa mit dir. Mein Favorit ist lateinamerikanische Musik. Es ist immer sehr witzig, wenn ich mal zu irgendwelchen lateinamerikanischen Partys gehe, bin ich der einzige Gringo, der alle Lieder auswendig kennt von Daddy Yankee und J. Alvarez und so weiter. Bossa Nova ist cool zur Entspannung. Heute im Flugzeug nach München habe ich Bossa Nova instrumental gehört, um ein bisschen zu runterzukommen. Aber wenn ich Gas geben oder Tanzen will, dann gibt es eigentlich nur Salsa und Reggaeton, gerne auch die Klassiker aus den frühen 2000ern, wo der Sound mit Daddy Yankee und den Luny Tunes aufpoppte. 

Bist du auch ein Freund von elektronischer Musik? Ich muss dich das als die House-Frau bei Feelgood FM fragen. 

Ja, klar, absolut. Ein sehr guter Freund von mir, auch ein weltweit bekannter DJ, ist in dem Genre unterwegs – ohne jetzt einen Namen nennen zu wollen. 

Wir lieben es, wenn Namen genannt werden. Dafür gibt es uns. 

Tobias Topic. Seine Lieder laufen im Radio gerade rauf und runter. Mit „I adore you“ und „Breaking Me“ hatte er zwei Hits mit über einer Milliarde Streams bei Spotify. Wir treffen uns regelmäßig und hatten letztes Mal auch eine Diskussion über KI-erstellte Musik. In seinem Feld logischerweise ein sehr heißes Eisen, ohne jetzt genau darauf eingehen zu wollen. Aber ich merke, je älter ich werde – ich bin ja jetzt 40 plus – dass ich mich immer mehr ein bisschen weg von House hin zu Bossa Nova bewege. Auch die Klassiker im Salsa, wie Marc Anthony, mag ich, ist einfach bisschen entspannter.

Eine letzte Frage, Marcel. KI-Themen sind alles Themen, bei denen man sehr konzentriert sein muss, die eigentliche Arbeit findet im Kopf statt. Wie schaffst du für dich persönlich einen Gegenpol?

Der wesentliche Gegenpol bei mir ist Sport. Ich mache regelmäßig Sport, mindestens eine Stunde am Tag. Ich blocke ich mir die Zeit. Und was ich für mich neu entdeckt habe seit jetzt mittlerweile drei, vier Monaten, ist das Thema Kryotherapie. Ich gehe jeden Tag in Düsseldorf in eine Kryokammer für drei Minuten. Das sind minus 120 Grad Celsius, trockene Kälte, und das ist gefühlt wie im Film „Man in Black“ das „Blitzdings“ – einmal den Knopf drücken und alles vergessen. Auch Eisbaden tut mir gut. Ich lebe schon sehr körperbewusst, denn: „Mens sana in corpore sano.“ Und das funktioniert nur, wenn du fit bist. Also ein ganz, ganz wichtiges Thema in meinem Leben. 

Marcel, vielen Dank für dieses spannende Gespräch und die ersten tollen Einblicke, die du uns KI-Neulingen gegeben hast. Wir sind sehr gespannt, wie es weitergeht, werden auf alle Fälle in Kontakt bleiben und uns in diesem Jahr nochmal über dieses Thema austauschen.

Freut mich, ich danke dir.

Fotos: Wolf Heider-Sawall

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