Kampf der Giganten – BMW und Mercedes im Art Talk

Prof. Dr. Thomas Girst, Dr. Anne Veith und Susanne Graue

Wenn Kultur auf Beschleunigung trifft


Das Kulturengagement von Unternehmen ist mehr als Sponsoring – es ist eine Haltung. Denn sie kostet Geld und ein hohes Maß an Engagement. BMW mit seinem kulturellen Engagement und Mercedes Benz mit seiner Art Collection sind nicht nur diesbezüglich global player – die beiden Konzerne nehmen ihre Aufgabe aus gesellschaftlicher Sicht sehr ernst. Mit dieser Einleitung lud Various Others, Münchens Initiative für zeitgenössische Kunst, zum Social Club Art Talk in die Bayrische Staatsoper mit zwei besonderen Gesprächsgästen: Dr. Anne Vieth, Leiterin der Mercedes-Benz Art Collection und Prof. Dr. Thomas Girst, dem langjährigen Leiter des BMW Group Kulturengagement.

Die Bühne betraten die kulturellen Köpfe zweier Konzerne, die sich seit Jahrzehnten in achtungs- und respektvoller Konkurrenz begegnen. Zwei Konzerne, zwei Philosophien, ein Wettbewerb, der weit über den Asphalt hinausgeht. Während BMW mit seinen institutionellen Partnerschaften und den legendären Art Cars auf internationale Sichtbarkeit setzt, pflegt Mercedes-Benz mit einer der bedeutendsten Unternehmenssammlungen Europas einen eigenständigen Dialog mit zeitgenössischer Kunst.

Streiten oder streicheln?

Das Gespräch mit Dr. Anne Vieth und Prof. Dr. Thomas Girst wurde moderiert von Christian Ganzenberg, Director bei Various Others. Er diskutierte mit beiden, was unternehmerisches Kulturengagement heute leisten kann – und leisten muss. Welche Überzeugung steckt dahinter? Was unterscheidet echtes Engagement von bloßer Imagepflege? Und lässt sich kreative Ambivalenz überhaupt in Konzernstrukturen denken?

Bei solch einem Format ist die Gefahr groß, dass es als Plattform für blanke Unternehmens-PR missbraucht wird. Aber es wurde ein sehr emotionales, differenziertes Gespräch über Leidenschaft, Verantwortung – und die Frage, ob die Schönheit der Kunst die Welt retten kann. Spoiler: kann sie nicht. Aber sie macht sie bunter, lebendiger und lebenswerter.

Feuer braucht einen Menschen

Anne Vieth erzählte, wie die Mercedes-Benz Art Collection einst begann: Ein Vorstandsmitglied schleppte ein Gemälde von Willi Baumeister ins Vorstandstreffen und erklärte seinen Kollegen, warum dieses Bild etwas mit Technik und Konstruktion zu tun hat. Budgets wurden freigegeben. So fing es an: mit einem Menschen, der brennt. Nächstes Jahr feiert die Sammlung 50 Jahre mit inzwischen über 3.000 Werken im Bestand. Und doch, sagt Dr. Anne Veith, ist ihr liebstes Detail steckt nicht nur in der Fülle der Sammlung, sondern der Skulptur am Kreisverkehr vor dem Mercedes-Benz Museum: zwei Figuren, die sich umarmen oder boxen – man kann es nicht genau sagen. Jeden Morgen fährt sie daran vorbei und es bereitet ihr Freude.

Tomas Girst fährt Fahrrad


So mancher Manager bezieht seine Wichtigkeit aus der Demonstration seines luxuriösen Dienstwagens. Nicht Prof. Girst. Er fährt mit dem Fahrrad zu seinem Arbeitgeber. Und freut sich immer noch an Gerhard Richters Werkgruppe „Rot-Gelb-Blau“, welches seit ihrer Entstehung 1973 nach umfänglicher Restaurierung neu im Eingangsbereich des BMW Hochhauses präsentiert wird. Seit 22 Jahren. Genauso lang kämpft er nach eigener Aussage dafür, dass ein Automobilkonzern nicht „Bling Bling“ betreibt, sondern echte kreative Freiheit schützt. Die BMW Art Cars, die Staatsoper, Oper für alle – 40.000 Menschen auf dem Platz, kein Logo auf dem Vorhang. Weil man die Menschen, die man erreichen möchte, nicht durch elitäre Kunstbegriffe verschrecken darf, so Girst.

Der schönste Moment des Abends? Als beide über Ambiguität sprachen. Gute Kunst lässt sich nicht auf eine Botschaft reduzieren. Sie hält Widersprüche aus. Und genau das, sagten Anne und Thomas fast gleichzeitig, braucht unsere Gesellschaft gerade so dringend. Das Schwarzweißdenken macht uns krank. Kunst lehrt uns, unterschiedliche Positionen zu betrachten und auch auszuhalten.
Dazu passt Anne Veiths Stuttgarter Projekt über Mercedes-GastarbeiterInnen – drei Generationen, dargestellt in poetischen Fotografien, verwoben mit 140 Jahren Unternehmensgeschichte.

Die Parabel der verfallenen Kathedrale

Thomas Girst Gedanke, dass man eine Kathedrale in schlechten Zeiten nicht verfallen lassen darf, wenn man will, dass sie noch steht, wenn es wieder besser wird. Und hierin waren sich beide einig: Kunst muss gefördert, gepflegt, wertgeschätzt werden. Aber nicht als Artefakt, sondern als selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft. Und hierin sah Thomas Girst auch die Politik in der Pflicht: Kulturetats zu kürzen und darauf zu bauen, dass Konzerne die Lücken füllen, zeuge von politischer Verantwortungslosigkeit.
Was bleibt
Kein Battle, keine Konkurrenz. Zwei Menschen aus zwei Unternehmen, die wissen, wie selten das ist, was sie tun dürfen – und wie sehr es sich lohnt, dafür zu kämpfen. Intern, täglich, leise.
Und vielleicht ist das die eigentliche Botschaft des Abends: Kultur in Unternehmen ist kein Luxus. Sie ist das, was beständig bleibt, wenn alles andere sich dreht.

Fotos: Wolf Heider-Sawall

Was hat Prof. Dr. Thomas Girst noch zur Kunst und zum Leben zu sagen? Hier könnt ihr ihn im Interview mit Stadtlocke lesen.

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